Zusammenfassung
Verarbeitung
92 %
Performance
100 %
Reichweite
94 %
Komfort
96 %
Ausstattung
95 %
Sicherheit
88 %

Nachdem uns das Mica Pro bereits auf der Eurobike überzeugen konnte, haben wir es auch über mehrere Wochen im Alltag getestet. Arbeitswege, Wochenendtouren, Einkäufe und einige Fahrten im Regen gehören zum Test.

Das Mica Pro ist der Tiefeinsteiger der Select-Serie, kostet 2.799 € und will beides sein: Pendlerrad und Tourenbike. Solche Zwitter enttäuschen meistens in beide Richtungen. Hier nicht. Mit 94,6 % liegt das Mica Pro in unserem Testverfahren sogar vor dem Deruiz Dolomit, obwohl das deutlich sportlicher ausgelegt ist.

Deruiz Mica Pro Test: Diese Daten stecken im SUV-E-Bike

Bevor wir ins Fahren einsteigen, hier die harten Fakten zum Mica Pro auf einen Blick:

Deruiz Mica Pro
Bewertung
Listenpreis2.799,00 €

Vorteile
  • Sehr kräftiger ZentriDrive-Mittelmotor mit 110 Nm und bis zu 900 W Spitzenleistung
  • Herausnehmbarer, großer 720-Wh-Samsung-Akku
  • Stufenlose Enviolo-Nabenschaltung plus Gates-CDX-Carbonriemen
  • Tiefeinsteiger-Rahmen in zwei Größen, StVZO-Ausstattung mit 120-Lux-Scheinwerfer und Racktime-Gepäckträger
  • Suntour-XCM34-Federgabel mit 100 mm Federweg
  • Breite Schwalbe-Johnny-Watts-Reifen für gemischte Untergründe
  • App-Anbindung mit Navigation aufs Display und Over-the-Air-Updates
Nachteile
  • Mit bis zu 29,7 kg deutlich schwerer als klassische Trekking-E-Bikes
  • Nur zwei Rahmengrößen

Drei Punkte aus dieser Liste bestimmen, wie sich das Mica Pro tatsächlich anfühlt.

  1. Der Antrieb: 110 Nm sind eine Ansage. Der Bosch Performance Line CX liefert 100 Nm, der Brose Drive Peak 90 Nm – Deruiz baut den eigenen ZentriDrive also über etablierte Referenzen hinaus, und das an einem Rad, das im Katalog unter „Trekking“ läuft. Am Berg merkst du das sofort.
  2. Der Riemen: Gates CDX statt Kette, dazu die stufenlose Enviolo-Nabe. Kein Öl an der Wade, keine Schaltstufen, kein Kettenblattwechsel nach zwei Jahren. Du drehst am Griff und die Übersetzung wandert stufenlos mit. Das kostet ein bisschen Wirkungsgrad gegenüber einer Kettenschaltung, spart dir aber praktisch die komplette Antriebswartung.
  3. Der Fahrkomfort: Tiefeinsteiger, 100 mm Federweg vorne, 2,35 Zoll breite Reifen und ein Gel-Sattel. Diese Kombination ist der Grund, warum das Mica Pro in unserer Komfortwertung auf 96 % kommt – der beste Wert, den wir bisher an einem E-Bike gemessen haben.
Deruiz Mica Pro Seitenansicht mit Tiefeinsteiger-Rahmen
Das Mica Pro ist ein Tiefeinsteiger, der nicht wie einer aussieht

Zwei Dinge sind uns über die Wochen aber sauer aufgestoßen. Deruiz bietet das Mica Pro nur in zwei Rahmenhöhen an, 42 und 48 cm. Bei einem Bike, das ausdrücklich für lange Touren gedacht ist, ist das dünn. Ich bin 178 cm groß und lag beim M/L-Rahmen sofort richtig – aber wer über 1,90 m misst oder deutlich unter 1,65 m bleibt, sollte vorher Probe sitzen.

Und mit 29,0 kg inklusive Akku ist das Mica Pro kein Rad, das du mal eben in den zweiten Stock trägst. Bei mir stand es die ganze Testzeit im Schuppen – der Akku wurde zum Laden einfach entnommen. Das ist der Preis für Motor, Akku und Vollausstattung — andere SUV-E-Bikes in unserem E-Bike Vergleich sind aber genauso schwer, teils sogar noch deutlich schwerer.

Verarbeitung im Mica Pro Test: Wo die Select-Serie das Geld hinsteckt

Tiefeinsteiger wirken meistens etwas dünn. Damit das abgesenkte Oberrohr überhaupt Sinn ergibt, fallen die Rohre schmaler aus, und das Rad sieht schnell filigran aus. Beim Mica Pro ist das anders: Das Unterrohr ist massiv, der Übergang zum Steuerrohr sauber gezogen, und der Akku sitzt so tief im Rahmen, dass nur das Schloss an der Seite verrät, dass hier überhaupt einer verbaut ist.

Deruiz führt das Rad in der Select-Serie, der hauseigenen Oberklasse. Solche Labels bedeuten oft wenig – hier schon. Der Rahmen besteht aus 6061-Aluminium, die Schweißnähte sind so verschliffen, dass man sie am Steuerrohr mit dem Finger suchen muss. Bei einem Rad für 2.799 € ist das nicht selbstverständlich; wir haben in dieser Preisklasse schon deutlich gröbere Nähte gesehen.

Die Select-Serie von Deruiz

Select ist bei Deruiz nicht einfach eine teurere Ausstattungslinie. Für diese Reihe wurden Motor, Rahmen und Anbauteile neu entwickelt statt zugekauft – Entwicklung und Fertigung liegen beim Hersteller selbst. Neben dem Mica Pro gehören der Deruiz Dolomit und die Turmali-Reihe dazu.

Das Mica Pro gibt es in zwei Farben: Silk Chiffon und Bronze Matt. Wir hatten das bronzefarbene Modell, und der Lack hat auch nach mehreren Regenfahrten und der einen oder anderen Berührung mit einem Fahrradständer keine Macken gezeigt. Der Auftrag ist gleichmäßig, ohne Läufer an den Rohrübergängen.

Deruiz Schriftzug auf dem Rahmen des Mica Pro
Sauber aufgetragener Lack und ein dezenter Schriftzug statt großflächigem Branding

Was uns besonders gut gefällt, ist die Kabelführung. Alle Leitungen laufen intern, am Steuerrohr gibt es keinen Kabelsalat, und nichts scheuert am Lack. Auch die Schrauben und Beschläge sind sauber gesetzt – nach den Testwochen war keine einzige Schraube nachzuziehen.

Bei den Komponenten kauft Deruiz durchgehend Marke:

  • Nabenschaltung von Enviolo
  • Riemenantrieb von Gates (CDX Carbon)
  • Bremsen von Tektro
  • Federgabel von SR Suntour
  • Reifen von Schwalbe
  • Akkuzellen von Samsung

Beim Design scheiden sich die Geister eher als bei der Fertigung. Ein Tiefeinsteiger sieht selten elegant aus, weil das abgesenkte Oberrohr die Linie bricht. Deruiz löst das mit einem doppelt geführten Rohr, das die Optik zusammenhält, statt sie zu zerlegen. In unserer Bewertung ist das die volle Punktzahl – aber das ist der subjektivste Posten im ganzen Testverfahren, und ich kenne genug Leute, die einem Diamantrahmen trotzdem den Vorzug geben.

Geführtes Oberrohr am Deruiz Mica Pro
Das Oberrohr fängt die typische Tiefeinsteiger-Optik auf

Die Bestnote verhindern am Ende die 29,0 kg. Das Gewicht fließt bei uns in die Verarbeitungswertung ein, weil es direkt aus Materialwahl und Bauweise folgt – und mit einem Aluminiumrahmen statt Carbon ist an dieser Stelle Schluss. Unterm Strich stehen 92 %, ein sehr guter Wert, der ohne die Waage noch deutlich höher ausgefallen wäre.

Verarbeitung
92 %

Mica Pro Erfahrungen zur Performance: 110 Nm, die du sofort spürst

Das Mica Pro ist das erste Trekkingrad in unserem Testfeld, das die Performance-Wertung voll ausschöpft. 100 % – und das nicht, weil wir bei den Anforderungen nachgelassen hätten, sondern weil kein Messwert unter der Bestmarke lag.

Am deutlichsten merkst du das beim Anfahren. Der Drehmomentsensor arbeitet ohne die Gedenksekunde, die man von günstigeren Mittelmotoren kennt: Du trittst, und die Unterstützung ist da. Kein Nachschieben, wenn du längst wieder rollst, kein ruckartiges Einsetzen an der Ampel. Die Beschleunigung von 0 auf 25 km/h schafft das Mica Pro innerhalb kürzester Zeit, per GPS haben wir eine Abriegelung bei 25,2 km/h gemessen – sauber im gesetzlichen Rahmen.

  • 25,2 km/h Höchstgeschwindigkeit (GPS-gemessen)
  • 62,6 dB Geräuschpegel unter Last
  • 6 Unterstützungsstufen inklusive Auto-Modus
  • 110 Nm Drehmoment aus dem ZentriDrive-Mittelmotor
Deruiz ZentriDrive Mittelmotor am Mica Pro
Der ZentriDrive wiegt nur 2,85 kg und liefert trotzdem 110 Nm

Interessanter als die reinen Zahlen ist, wie sich die 110 Nm anfühlen. Bei mir liegt auf dem Arbeitsweg eine Rampe, die ich mit dem Rennrad im kleinsten Gang hochkeuche. Mit dem Mica Pro im Tour-Modus bin ich dort im Sitzen hochgefahren, ohne dass die Trittfrequenz einbrach. Im Sport-Modus wird es fast albern – das Rad schiebt so kräftig an, dass du am Anfang lernen musst, weniger Kraft aufs Pedal zu geben, nicht mehr.

Der Auto-Modus wählt die Stufe selbst und trifft dabei erstaunlich oft die richtige. Ich habe ihn nach der ersten Woche trotzdem ausgeschaltet und bin auf Tour geblieben. Nicht weil er schlecht arbeitet, sondern weil ich bei einem Rad mit dieser Leistung lieber selbst entscheide, wann es losgeht.

ZentriDrive Mittelmotor mit Gates Carbonriemen am Deruiz Mica Pro
Motor und Riemenscheibe sitzen direkt beieinander – der Kraftfluss ist kurz

Ein Punkt, der bei E-Bikes gern untergeht: die Lautstärke. Mittelmotoren mit viel Drehmoment neigen unter Last zum Sirren, und in einer ruhigen Wohnstraße hört man das. Das Mica Pro bleibt bei 62,6 dB und liegt damit im leisesten Drittel unseres Testfelds. Vom Motor hörst du unterwegs praktisch nichts – dafür rollen die breiten Schwalbe-Reifen hörbar lauter ab als schmale Laufräder. Auf grobem Asphalt ist das Abrollgeräusch das lauteste am ganzen Rad.

Was den Antrieb rundmacht, ist das Zusammenspiel mit dem Riemen. Kettenschaltungen quittieren volles Drehmoment unter Last gern mit einem Knacken – die Enviolo-Nabe nimmt es kommentarlos hin, weil du unter Last schalten kannst, ohne Rücksicht auf die Kette zu nehmen. Genau diese Kombination ist der Grund für die volle Punktzahl.

Performance
100 %

Reichweite im Mica Pro Test: Hohe Reichweite im Alltag

Deruiz gibt für das Mica Pro bis zu 180 km an. Diese Zahl haben wir nicht erreicht. Das ist keine Überraschung, weil Herstellerangaben unter Laborbedingungen entstehen – gleichmäßige Strecke, leichter Fahrer, niedrigste Unterstützungsstufe, Windstille. Trotzdem finden wir es fair, das offen zu sagen, statt die 180 km unkommentiert weiterzureichen.

Was das Rad im Alltag wirklich schafft, haben wir über die Testwochen in allen drei Fahrprofilen gemessen:

  • Eco-Modus: 159 km
  • Normalmodus: 126 km
  • Sportliches Fahren: 91 km

Diese Werte sind stark. 159 km bedeuten, dass du eine Woche pendeln kannst, ohne das Ladegerät anzufassen – bei 20 km Arbeitsweg pro Richtung reicht eine Ladung für vier Tage. Und selbst wenn du dauerhaft im Sport-Modus unterwegs bist und den Motor arbeiten lässt, bleiben 91 km. Für eine Tagestour reicht das locker.

Der gemessene Verbrauch liegt bei 4,0 Wh pro Kilometer. Das ist ein sehr guter Wert für ein Rad mit 29 kg, breiten Reifen und einem Motor, der 110 Nm stemmt. Zum Einordnen: Deutlich leichtere Pendlerräder in unserem E-Bike Vergleich liegen teils bei 8 bis 9 Wh/km und damit beim Doppelten.

Herausnehmbarer 720-Wh-Akku des Deruiz Mica Pro
720 Wh mit Samsung-Zellen, sauber ins Unterrohr integriert

Beim Laden wird es dann weniger erfreulich. Das mitgelieferte Netzteil liefert 3 A, eine volle Ladung dauert damit rund 5 Stunden. Schnellladen unterstützt das Mica Pro nicht – und das ist der Punkt, der uns am meisten geärgert hat.

Ehrlicherweise ist das bei einem Tourenrad ein echter Nachteil. Wenn du 120 km fährst und mittags an einem Gasthaus mit Steckdose stehst, bringt dir eine Stunde Pause bei 3 A gerade mal 30 km zusätzlich. Bei Wettbewerbern mit Schnellladefunktion wäre das Doppelte drin. Für den Arbeitsweg spielt es keine Rolle, weil das Rad ohnehin über Nacht lädt. Für die Wochenendtour schon.

Akkuschloss am Unterrohr des Deruiz Mica Pro
Ein Dreh am Schloss und der Akku lässt sich entnehmen

Praktisch ist dafür die Entnahme. Ein Dreh am Schloss, ein Zug, und der Akku ist raus. Bei mir stand das Rad im Schuppen und nur der Akku wanderte ins Haus – bei 29 kg Gesamtgewicht die einzig sinnvolle Lösung.

Auch das Display macht seine Sache gut: Die Restkapazität wird prozentgenau angezeigt, nicht in vier groben Balken. Das klingt nach einer Kleinigkeit, ist aber der Unterschied zwischen „irgendwas zwischen 25 und 50 %“ und einer belastbaren Planung, ob die Runde noch ausgeht. Zusammen mit der Reichweitenprognose auf dem Display haben wir uns über die Testwochen kein einziges Mal verschätzt.

Unterm Strich stehen 94 % in der Kategorie Reichweite. Die Punkte, die fehlen, gehen fast vollständig auf das fehlende Schnellladen.

Reichweite
94 %

Hoher Komfort im Alltag: Unsere Erfahrungen mit dem Deruiz Mica Pro

96 % – kein E-Bike in unserem Test liegt beim Komfort höher. Und anders als bei der Performance verteilt sich dieser Wert nicht auf einen einzelnen Glanzpunkt, sondern auf ein halbes Dutzend Kleinigkeiten, die zusammen ein sehr entspanntes Rad ergeben.

Fangen wir beim Offensichtlichen an: dem Einstieg. Das abgesenkte Oberrohr bedeutet, dass du das Bein nicht über einen Gepäckträger schwingen musst. Für Leute mit steifer Hüfte, nach einer Knie-OP oder einfach mit Rock und Mantel ist das kein Komfortdetail, sondern der Grund, warum dieses Rad überhaupt infrage kommt. Wir haben das Mica Pro auch von jemandem mit 1,63 m fahren lassen – Aufsteigen war kein Thema, obwohl der M/L-Rahmen für die Körpergröße eigentlich zu groß ist.

Am Sattel hat Deruiz nicht gespart. Der Velo S6792 ist ein Gel-Sattel mit Lederoberfläche, breit genug für eine aufrechte Sitzposition, ohne dass er auf längeren Strecken zum Sofa wird. Nach zwei Stunden am Stück gab es bei uns keine Druckstellen – und das ist bei Serien-Sätteln alles andere als selbstverständlich.

Dazu kommen die Griffe. Deruiz verbaut ergonomische Komfortgriffe mit ausgestellter Auflagefläche, die das Handgelenk stützt. Wer schon mal nach 40 km mit tauben Fingern angekommen ist, weiß, was das wert ist. Die Bedienelemente sitzen so, dass du sie mit dem Daumen erreichst, ohne umzugreifen.

SR Suntour XCM34 Federgabel am Deruiz Mica Pro
100 mm Federweg und 34-mm-Standrohre – für ein Trekkingrad üppig

Die SR Suntour XCM34 mit 100 mm Federweg ist für ein Trekkingrad großzügig dimensioniert. Zusammen mit den 2,35 Zoll breiten Schwalbe-Reifen, die du mit niedrigem Druck fahren kannst, schluckt das Mica Pro Kopfsteinpflaster und Wurzeln so souverän, dass wir bewusst über Schotterwege gefahren sind, statt sie zu umfahren. Der hydraulische Lockout sperrt die Gabel auf Asphalt, wenn du das Wippen im Wiegetritt nicht magst.

Eine Heckfederung fehlt. Das ist der einzige Punkt, der uns in dieser Kategorie zur vollen Wertung fehlt, und er ist der Bauart geschuldet – ein gefedertes Heck an einem Tiefeinsteiger mit Gepäckträger wäre konstruktiv aufwendig und teuer. Über die breiten Reifen und die Sattelstütze wird ein Großteil davon ohnehin abgefangen. Vermisst haben wir sie im Alltag nicht.

Enviolo CVT Nabe am Hinterrad des Deruiz Mica Pro
In der Enviolo-Nabe steckt die stufenlose Übersetzung – geschaltet wird per Drehgriff

Ein Komfortfaktor, den man erst nach ein paar Tagen richtig schätzt, ist die stufenlose Enviolo-Nabe. Du suchst keinen Gang mehr, sondern drehst am Griff, bis der Widerstand passt. An der Ampel kannst du im Stand zurückdrehen, was mit einer Kettenschaltung nicht geht.

Umgewöhnung braucht es trotzdem. Der Drehgriff läuft schwergängiger als ein normaler Schalthebel, und in den ersten Tagen habe ich mehrfach zu weit gedreht und bin dann mit hoher Trittfrequenz ins Leere getreten. Nach einer Woche sitzt es. Wer gerne exakte Gänge kennt und wissen will, in welcher Übersetzung er gerade fährt, wird mit dem System aber vermutlich nie richtig warm. In unsere Wertung fließt das nicht negativ ein, weil die Nabe technisch einwandfrei arbeitet.

Unterm Strich landet das Mica Pro bei 96 % und ist damit das komfortabelste Rad, das bisher durch unser Testverfahren gegangen ist.

Komfort
96 %

Ausstattung im Mica Pro Test: 120 Lux und alles nach StVZO

Hier zahlt sich aus, dass Deruiz das Mica Pro als Alltagsrad gedacht hat und nicht als Sportgerät mit nachrüstbarem Zubehör. Du kaufst es, holst es aus dem Karton, und es ist fertig: Licht, Schutzbleche, Gepäckträger, Ständer, Reflektoren, Werkzeug. Beim Deruiz Dolomit musst du für dieselbe Alltagstauglichkeit erst nachrüsten.

Das Frontlicht liefert 120 Lux. Zum Vergleich: Viele E-Bikes im gleichen Preisbereich kommen mit 50 bis 80 Lux, und der Unterschied ist auf einem unbeleuchteten Feldweg sofort spürbar. Mit 120 Lux siehst du nicht nur, du wirst auch gesehen. Das Rücklicht ist schön im Schutzblech integriert und leuchtet angenehm hell.

Frontscheinwerfer mit 120 Lux am Deruiz Mica Pro
120 Lux reichen auch für unbeleuchtete Feldwege

Der Gepäckträger trägt 20 kg und ist Racktime-zertifiziert. Das bedeutet, dass du jeden Racktime-kompatiblen Korb oder Koffer ohne Adapter aufstecken kannst – beim Wocheneinkauf ist das der Unterschied zwischen einem Rucksack auf dem Rücken und zwei Taschen am Rad.

Der Seitenständer ist längenverstellbar und steht auch dann stabil, wenn hinten 15 kg auf dem Träger liegen. Klingt banal, ist es aber nicht: Bei einem 29-kg-Rad mit Zuladung kippen schwache Ständer gern über den Bordstein weg. Uns ist das Mica Pro über die gesamte Testzeit kein einziges Mal umgefallen.

3,5-Zoll-Farbdisplay am Cockpit des Deruiz Mica Pro
Das Farbdisplay zeigt Restkapazität prozentgenau und nimmt auf Wunsch die Navigation

Das 3,5-Zoll-Farbdisplay gehört zu den besseren, die wir gesehen haben. Es zeigt Geschwindigkeit, Restreichweite, Unterstützungsstufe und Ladezustand gleichzeitig, ohne überladen zu wirken, und über Bluetooth wandert die Route aus der Deruiz-App direkt aufs Display. Abbiegehinweise als Pfeil, statt alle zwei Minuten aufs Handy zu schauen.

Zwei Dinge halten es von der Bestnote ab. Bei tief stehender Sonne im Rücken musst du den Vorbau leicht kippen, um sauber abzulesen. Und es gibt keinen USB-Port am Cockpit – bei einem Tourenrad mit 720-Wh-Akku hätten wir erwartet, dass man daraus auch das Handy laden kann. Der Akku wäre groß genug dafür.

Enviolo Drehgriff am Lenker des Deruiz Mica Pro
Geschaltet wird per Drehgriff – die Anzeige zeigt Berg und Ebene statt Gangnummern

Was in unserer Ausstattungswertung gar nicht auftaucht, aber im Alltag mehr wert ist als jedes Zubehörteil: der Wartungsaufwand. Der Gates-Carbonriemen braucht kein Öl, längt sich nicht und muss nicht gespannt werden. Die Enviolo-Nabe ist geschlossen, da kommt kein Streusalz rein. Nach mehreren Wochen inklusive Regenfahrten sah der Antrieb aus wie am ersten Tag – bei einer Kettenschaltung hättest du in derselben Zeit zweimal geputzt und geölt.

Gates CDX Carbonriemen am Deruiz Mica Pro
Kein Öl, kein Nachspannen, kein Dreck im Antrieb

Mit 95 % ist die Ausstattung die zweitstärkste Kategorie im Test. Der fehlende USB-Port ist der einzige echte Abzug.

Ausstattung
95 %

Sicherheit im Mica Pro Test: kurze Bremswege, Lücken beim Diebstahlschutz

88 % – die schwächste Kategorie im Test, und das mit deutlichem Abstand zu den anderen fünf. An den Bremsen liegt es nicht.

Die Tektro HD T275 mit 180-mm-Scheiben an beiden Rädern gehört zum Besten, was wir in dieser Preisklasse gemessen haben. Aus 25 km/h steht das Mica Pro nach diesen Wegen:

  • Vorderbremse allein: 5,17 m
  • Hinterbremse allein: 5,66 m
  • Beide zusammen: 5,08 m

Der Durchschnitt in unserem E-Bike-Testfeld liegt bei rund 6,3 m für die Vorderbremse. Das Mica Pro unterbietet das um über einen Meter – bei einem Rad, das mit Zuladung deutlich über 100 kg wiegen kann, ist das der Unterschied zwischen einer Vollbremsung und einem Auffahrunfall.

Auffällig ist auch, wie wenig die Hinterbremse abfällt. Bei vielen E-Bikes bricht das Hinterrad bei starker Verzögerung früh aus. Hier bleibt es kontrollierbar, was wir auf die breiten Schwalbe-Reifen und die ausgewogene Gewichtsverteilung des Tiefeinsteigers zurückführen. Bei Nässe verlängern sich die Wege spürbar, das ist bei Scheibenbremsen aber normal und war nie kritisch.

Hintere 180-mm-Scheibenbremse von Tektro am Deruiz Mica Pro
180 mm an beiden Rädern – die Bremsleistung ist der stärkste Sicherheitspunkt

Die Punkte gehen an zwei anderen Stellen verloren.

  1. Kein Pannenschutz. Die Schwalbe Johnny Watts 365 haben zwar eine RaceGuard-Einlage und ein solides Profil, aber keine Pannenschutzschicht im eigentlichen Sinn. Bei einem Rad, das dich 120 km von zu Hause wegbringen soll, ist ein Platten mitten im Nirgendwo ein reales Szenario. Flickzeug gehört bei diesem Bike in die Satteltasche.
  2. Kein Diebstahlalarm. Kein GPS-Tracking, kein Bewegungsmelder, keine Alarmfunktion über die App. Das ärgert uns mehr als der fehlende Pannenschutz, denn die App-Anbindung ist technisch längst da – es wäre reine Software. Bei einem Rad für 2.799 €, das ohne Rahmenschloss ab Werk kommt, hätten wir hier mehr erwartet. Ein Schloss musst du separat kaufen und einplanen.

Beim Wetterschutz war die Recherche aufwendiger als nötig. Auf der Produktseite des Mica Pro findest du keine einzige Angabe zur Schutzart. Erst auf der Technikseite zum ZentriDrive steht, dass der Motor die Schutzklasse IPX7 erfüllt – dicht auch bei starkem Regen. Die CAN-Bus-Stecker sind nach Automobilstandard abgedichtet, und für das gesamte Elektroniksystem nennt Deruiz an anderer Stelle „IP7 oder höher“.

Diese Werte sind gut. Ärgerlich ist, dass man sie suchen muss, statt sie im Datenblatt zu finden – und dass Deruiz sie durchgängig falsch schreibt: IP7 gibt es nicht, korrekt wäre IPX7. Eine geprüfte Schutzart für das komplette Rad veröffentlicht der Hersteller weiterhin nicht.

In der Praxis hat uns das über die Testwochen nicht eingeholt. Wir sind mehrfach im Regen gefahren, das Rad stand danach nass draußen, und es gab keine Probleme mit Motor, Display oder Kontakten.

Mit 88 % bleibt die Sicherheit die schwächste Kategorie im Test. Ein Alarm über die App und Reifen mit echtem Pannenschutz würden hier den größten Unterschied machen.

Sicherheit
88 %

Für wen ist das Deruiz Mica Pro geeignet?

Nach mehreren Wochen im Alltag lässt sich das Mica Pro ziemlich klar einordnen. Es ist kein Rad für jeden – und das liegt weniger an den Schwächen als an seinem Gewicht und seiner Auslegung. Zuerst die Bilanz aus dem Test:

Stärken des Deruiz Mica Pro
  • ZentriDrive-Mittelmotor mit 110 Nm – volle Punktzahl in der Performance-Wertung
  • 159 km Reichweite im Eco-Modus bei nur 4,0 Wh/km Verbrauch
  • Wartungsarmer Antrieb aus Enviolo-Nabe und Gates-Carbonriemen
  • Sehr hoher Komfort
  • Komplette StVZO-Ausstattung ab Werk, inklusive 120-Lux-Scheinwerfer
  • Kurze Bremswege: 5,08 m aus 25 km/h mit beiden Bremsen
  • Sehr saubere Verarbeitung mit interner Kabelführung und verschliffenen Nähten
  • Prozentgenaue Akkuanzeige und Navigation direkt auf dem Display
Schwächen des Deruiz Mica Pro
  • 29,0 kg inklusive Akku
  • Nur zwei Rahmenhöhen (42 und 48 cm)
  • Kein Schnellladen – volle Ladung dauert rund 5 Stunden
  • Kein USB-Port am Cockpit
  • Weder Pannenschutz noch Diebstahlalarm
  • Keine IP-Schutzklassen für das Gesamtrad ausgewiesen

Daraus ergibt sich ein recht scharfes Profil. Das Mica Pro passt zu dir, wenn:

  • du täglich pendelst und pro Richtung mehr als 15 km fährst – eine Ladung hält dir die Woche
  • du am Wochenende Touren jenseits der 80 km fährst und Steigungen nicht ausweichen willst
  • dir leichtes Auf- und Absteigen wichtig ist, sei es wegen Hüfte, Knie oder Kleidung
  • du möglichst wenig am Rad schrauben willst – der Riemenantrieb nimmt dir die komplette Antriebspflege ab
  • du das Rad ebenerdig abstellen kannst, in Garage, Schuppen oder Keller mit Rampe
  • du das Rad regelmäßig Treppen hochtragen musst – 29 kg verzeiht keine dritte Etage
  • du sportlich und leicht fahren willst – dann ist der Deruiz Dolomit das passendere Rad
  • du unter 1,65 m oder über 1,90 m groß bist und nicht vorher probesitzen kannst

Unsere Kaufempfehlung. Für 2.799 € bekommst du hier ein Rad, dessen Antrieb und Reichweite in einer Klasse spielen, die sonst bei 3.500 € anfängt. Wenn du zu den Pendlern oder Tourenfahrern oben gehörst, ist das Mica Pro aus unserer Sicht eines der stimmigsten Komplettpakete am Markt – und der Riemenantrieb spart dir über die Jahre Geld und Zeit, die in der Rechnung meistens untergehen.

Wenn dir das zu viel ist: Der Deruiz Peridot deckt kürzere Alltagsstrecken für deutlich weniger Geld ab. Und wer sich generell erst orientieren will, findet in unserem E-Bike Vergleich sowie in unserer Übersicht zu die besten Trekking-Bikes die passenden Alternativen.

Fazit zum Mica Pro Test: das derzeit beste E-Bike in unserem Testfeld

Mit 94,6 % ist das Mica Pro das am besten bewertete E-Bike, das bisher durch unser Testverfahren gegangen ist. Fünf von sechs Kategorien liegen zwischen 88 und 100 %, und das Rad ist genau dort stark, wo es im Alltag zählt: 110 Nm Drehmoment, 159 km Reichweite im Eco-Modus und ein Riemenantrieb, der dir die Antriebspflege komplett abnimmt.

Perfekt ist es nicht. Zwei Rahmenhöhen sind für ein Tourenrad zu wenig, Schnellladen fehlt, und dass ein Rad mit App-Anbindung keinen Diebstahlalarm mitbringt, ist eine Softwareentscheidung. Die 29,0 kg entscheiden für viele darüber, ob das Bike überhaupt infrage kommt – beim Fahren merkst du sie kaum, beim Treppensteigen sofort.

Für 2.799 € bekommst du trotzdem ein Paket, das Antrieb, Reichweite und Komfort so stimmig zusammenbringt wie kein anderes Rad in unserem Test. Wie sich Riemen, Nabe und Akku nach drei Wintern schlagen, prüfen wir im Langzeittest.

Testergebnis
95 %
September 2026

Häufige Fragen zum Deruiz Mica Pro

Wie weit kommt das Deruiz Mica Pro wirklich?

Deruiz gibt bis zu 180 km an, diesen Wert haben wir nicht erreicht. Gemessen haben wir 159 km im Eco-Modus, 126 km im Normalmodus und 91 km bei sportlicher Fahrweise. Der Verbrauch liegt bei 4,0 Wh pro Kilometer – für ein 29-kg-Rad mit 110-Nm-Motor ein sehr guter Wert.

Wie lange dauert das Laden des Akkus?

Rund 5 Stunden für eine volle Ladung mit dem mitgelieferten 48-V-/3-A-Netzteil. Schnellladen unterstützt das Mica Pro nicht. Der 720-Wh-Akku lässt sich per Schloss aus dem Unterrohr entnehmen und separat laden, was praktisch ist, wenn das Rad im Schuppen oder in der Garage steht.

Für welche Körpergröße ist das Mica Pro geeignet?

Es gibt zwei Rahmenhöhen: 42 cm (S/M) und 48 cm (M/L). Grob passt das für 1,65 m bis 1,90 m. Durch den tiefen Einstieg funktioniert das Rad auch darunter noch, die Sitzposition wird dann aber gestreckt. Wenn du außerhalb dieses Bereichs liegst, setz dich vor dem Kauf drauf – die Abstufung ist für ein Tourenrad grob.

Was bringt der Gates-Riemen gegenüber einer Kettenschaltung?

Der Carbonriemen braucht kein Öl, längt sich nicht und muss nicht nachgespannt werden. Zusammen mit der geschlossenen Enviolo-Nabe fällt die komplette Antriebspflege weg – bei uns sah der Antrieb nach mehreren Wochen inklusive Regenfahrten aus wie am ersten Tag. Der Nachteil: leicht geringerer Wirkungsgrad als eine Kettenschaltung, und du kannst den Riemen unterwegs nicht selbst reparieren.

Kann ich das Mica Pro bei Regen fahren?

Ja. Der ZentriDrive-Motor erfüllt laut Deruiz die Schutzklasse IPX7, die Steckverbindungen der Elektronik sind nach Automobilstandard abgedichtet. Wir sind mehrfach im Regen gefahren, ohne Probleme. Was du lassen solltest: das Rad mit dem Hochdruckreiniger säubern. Eine geprüfte Schutzart für das Gesamtrad veröffentlicht Deruiz nicht.

Wie schwer ist das Mica Pro und stört das Gewicht beim Fahren?

29,0 kg inklusive Akku. Beim Fahren merkst du davon wenig, weil der Motor unten und der Akku im Unterrohr sitzen – der tiefe Schwerpunkt macht das Rad sogar laufruhiger. Relevant wird das Gewicht beim Tragen und Verladen. Für eine Wohnung im dritten Stock ohne Aufzug ist das Mica Pro das falsche Rad.


Seb ist „der Techniker“ unter den Scooterianern. Als Berliner weiß er auf alle Fragen zum Thema E-Scooter eine Antwort, die mit „Ick gloob…“ anfängt. Neben der E-Mobilität ist Seb begeisterter Radfahrer.

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